Kapitel III
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Der Stil „Navy Rum“
Kraftvoll, dunkel, verschnitten: Navy Rum ist keine Herkunft, sondern eine Machart. Und hinter seinem mythischen Alkoholgehalt — 54,5 % — steckt eine Geschichte von Schießpulver.
Ist Navy Rum eine Herkunft oder ein Stil?
„Navy Rum“ bezeichnet weder ein Terroir noch eine Regulierung, sondern einen Stil, ererbt aus den Gepflogenheiten der Royal Navy. Historisch war der Rum der Marine ein Verschnitt von Rums aus mehreren Kolonien der Karibik — Jamaika, Guyana (Demerara), Trinidad, Barbados … —, vermählt zu einem konstanten, robusten, wiedererkennbaren Profil, Jahr für Jahr.
Diese Verschnittlogik unterscheidet den Navy Rum von den „Single“-Rums einer einzigen Destillerie. Ziel war nicht der Ausdruck eines Ortes, sondern die Verlässlichkeit eines Geschmacks: ein kerniger Rum, der die See aushielt und Tausende Männer mit sehr unterschiedlichen Gaumen zufriedenstellen konnte.
Der Verschnitt der Marine wurde fast einhundertsechzig Jahre lang ohne Unterbrechung neu zusammengesetzt, vom frühen 19. Jahrhundert bis 1970. Seine Geographie reichte weit über die Antillen hinaus: Zu den Rums aus Barbados, Guyana und Trinidad kamen, je nach Lieferung, solche aus Australien, Mauritius, Kuba, Ägypten, ja Singapur. Der jamaikanische Rum dagegen blieb meist außen vor: Sein vulkanischer Charakter — die Engländer sagten pungent — war zu ausdrucksstark für die gesuchte Balance, und er fand kaum je in die Mischung, außer in Zeiten der Knappheit nach 1945.
Auch die Wahl der Fässer wandelte sich mit der Zeit. Bevor sich nach den Jahren 1938–1945 die Ex-Bourbon-Eiche als Standard durchsetzte, durchlief der Verschnitt sehr unterschiedliche Hölzer — alte Port-, Sherry- und Weinfässer —, die dem endgültigen Profil jeweils ihre Handschrift ließen.
„Navy strength“: warum 54,5 %?
Der emblematische Alkoholgehalt des Stils ist die berühmte „Navy strength“, heute bei rund 54,5 % vol. angesetzt (100 Grad auf der alten britischen Proof-Skala). Ihr Ursprung liegt in einer sehr konkreten Anforderung: An Bord lagerte der Rum nahe der Pulverkammer.
Sollte ein Fass auf das Pulver auslaufen, musste sichergestellt sein, dass es sich noch entzünden ließ. Man pflegte daher die „Probe“ des Rums zu prüfen, indem man Pulver damit tränkte und anzuzünden versuchte: Brannte die Mischung, war der Alkohol „auf Probe“ — proof. Unterhalb eines bestimmten Gehalts fing das nasse Pulver nicht mehr Feuer. Diese Sicherheitsschwelle legte, durch die Praxis, den „Marine“-Gehalt des Rums fest.
Die „Navy strength“ ist keine Verkoster-Koketterie: Sie war ursprünglich die Garantie, dass das Pulver des Schiffes brauchbar bleiben würde.
Das Aromaprofil
Der typische Navy Rum ist dunkel und kraftvoll, oft geprägt vom Anteil der Guyana-Rums (Demerara) im Verschnitt. Man sucht darin Noten von:
- Melasse und gebranntem Zucker, Bitterkakao, Kaffee;
- Trockenfrüchten, Pflaume, Rosine, bisweilen einem Hauch Lakritz;
- warmen Gewürzen, Rauchholz, Leder und Tabak;
- einem kräftigen Antritt und wärmender Länge, getragen vom Alkoholgehalt.
Nicht alle „Navy“-Rums werden mit 54,5 % abgefüllt — viele Handelsversionen sind zugänglicher —, aber es ist dieser kernige, verschnittene Charakter, der den Stil auszeichnet. Ein Grog oder Cocktail auf Basis eines Navy Rums behält stets ein Fundament, das leichteren Rums fehlt.
Der Mythos Black Tot
Beim Ende der Ration 1970 wurden die Rumbestände der Royal Navy nicht vernichtet: Sie wurden aufbewahrt, und manche wurden Jahrzehnte später als flüssiges Zeugnis des ursprünglichen Tot abgefüllt. Diese äußerst seltenen Flaschen trugen dazu bei, die Aura des Navy Rums zu nähren und den Black Tot Day zu einem Bezugspunkt für Sammler zu machen.