Kapitel I
I / VI
Die Rumration der Royal Navy
Bevor er ein Mythos war, war der Marine-Rum eine Mechanik: eine geregelte Menge, eine feste Uhrzeit, ein Zeremoniell. Den Tot verstehen heißt, den Tag eines britischen Seemanns rückwärts lesen.
Vom Bier zum Rum
In den Anfangszeiten der englischen Marine war das vorschriftsmäßige Getränk der Besatzung Bier: eine Gallone pro Mann und Tag. Doch Bier verdarb in den Tropen schnell, und die langen Überfahrten zwangen dazu, haltbarere Alkohole zu suchen. Wein und Brandy übernahmen, je nach Einsatzgebiet.
Alles änderte sich mit der dauerhaften Präsenz der Royal Navy in der Karibik ab Mitte des 17. Jahrhunderts. Die Einnahme Jamaikas im Jahr 1655 brachte die Marine in direkten Kontakt mit dem vor Ort erzeugten Rum. Billig, reichlich vorhanden und hitzebeständig, setzte er sich wie selbstverständlich als Ration der in Westindien stationierten Seeleute durch, bevor er sich in der gesamten Flotte verbreitete.
Wie viel Rum erhielt ein Seemann?
Die tägliche Ration trägt einen Spitznamen: der „Tot“. Bis 1740 wurde eine halbe Pinte puren Rums pro Mann ausgegeben, in zwei Portionen über den Tag — ein Brauch, der auf Schiffen, wo der kleinste Fehlgriff tödlich sein konnte, ein offenkundiges Disziplin- und Sicherheitsproblem darstellte. Genau um dem abzuhelfen, verfügte Admiral Vernon in jenem Jahr, den Rum fortan mit Wasser zu verschneiden: Der Grog war geboren.
Im Lauf der Jahrhunderte verringerte die Admiralität die Dosis mehrfach. Im 20. Jahrhundert war der täglich ausgeschenkte Tot auf ein Achtel Imperial Pint festgesetzt — etwa 70 Milliliter Rum —, für die meisten Mannschaftsdienstgrade mit Wasser verschnitten. Diese schrittweise Verringerung erzählt für sich allein von der ständigen Spannung zwischen Tradition und den Anforderungen einer immer technischeren Marine.
„Up Spirits“: das Ritual des Mittags
Die Ausgabe war alles andere als improvisiert. Gegen Mittag rief der Bootsmann den Befehl „Up Spirits“ — wörtlich „die Spirituosen herauf“ — das Signal, den Rum aus dem verschlossenen Spirituosenraum, dem spirit room, zu holen. Oft antwortete halblaut ein Bordscherz: „Stand fast the Holy Ghost.“
Der Rum wurde mit eigens dafür bestimmten Messgeräten unter Aufsicht eines Offiziers abgemessen und dann Messe für Messe verteilt — die mess war die Tischgemeinschaft der Männer, die zusammen aßen. Die Verteilung folgte einer strengen Hierarchie, und jedes Detail zählte: Mit dem Anteil eines jeden spaßte man nicht.
„Up Spirits“ um zwölf: Für Generationen von Seeleuten markierten diese zwei Worte den Höhepunkt des Tages, ebenso sehr wie eine warme Mahlzeit oder das Ende einer Wache.
„Sippers“, „Gulpers“ und Ehrenschulden
Rund um den Tot hatte sich ein ganzer Gesellschaftskodex entwickelt. Ein Schluck, den man einem Kameraden zum Dank für einen Dienst anbot, hieß „sippers“; ein großzügigerer Zug „gulpers“. Seine gesamte Ration abzutreten — seine „grandeur“ — war das stärkste Zeichen der Anerkennung, das man an Bord vergeben konnte.
Dieses System kleiner flüssiger Schulden knüpfte Bande zwischen den Männern: Eine Handreichung wurde mit einem Schluck vergolten, eine Freundschaft mit einem geteilten Glas besiegelt. Die Ration war nicht bloß ein privates Vergnügen; sie hielt die Besatzung zusammen.
Offiziere, Abstinente und „grog money“
Nicht alle tranken ihre Ration. Die Offiziere erhielten ihren Rum pur und führten ihren eigenen Vorrat. Seeleute, die ihren Tot nicht beanspruchten — aus gesundheitlichen Gründen, aus Überzeugung oder Sparsamkeit —, konnten eine finanzielle Entschädigung beziehen, das „grog money“. Die Ration war also im Grunde auch eine Angelegenheit von Geld und Bordbuchhaltung.